Wie unterscheidet sich die Arbeit für verschiedene Generationen?
Eine Familie, die zum ersten Mal über ein Identitätswerk nachdenkt, fragt sich zu Recht, ob diese Arbeit für ihre Lage gemacht ist. Eine Gründergeneration steht anders zu dem, was die Familie ausmacht, als die Übernehmenden, und in der dritten oder vierten Generation, wenn aus einem Kern eine Familienkonstellation aus Cousinen und Cousins geworden ist, sieht noch einmal anders aus, was geklärt sein will.
Die Arbeit verändert sich mit. Ihr Gewicht bleibt gleich, ihr Charakter wird in jeder Generation ein anderer. Drei Bewegungen lassen sich unterscheiden: Verkörperung, Standortbestimmung, Archäologie. Sie folgen den Generationen und beschreiben, was in jeder Lage zuerst zu greifen ist.
Gründergeneration: Verkörperung
In der Gründergeneration ist die Substanz unmittelbar da. Was die Familie ausmacht, lebt in den Gründungsfiguren selbst, oft im täglichen Vollzug der Unternehmensarbeit. Die Klärung fällt deshalb schmal aus. Die Frage ist, wie das, was lebendig vorhanden ist, eine Form bekommt, die über die Lebenszeit der Gründungsfiguren hinaus wirksam bleibt.
Die eigentliche Arbeit liegt in der Verdichtung und in der Form: Festhalten, was greifbar ist, es so weitergeben, dass die nächste Generation nicht erraten muss, woraus sie gewachsen ist. Was die Gründergeneration weitergeben will, ist zu groß für ein Gespräch und zu wesentlich für das Beiläufige. Es braucht eine Form, in der es Bestand hat.
Für die Gründergeneration ist das Identitätswerk genau dieser Ort. Was im Kopf und im Handeln der Gründungsfiguren liegt, wird zum gemeinsamen Eigentum der Familie und zu einem Anker, der bleibt.
Übernahmegeneration: Standortbestimmung
Eine Generation später ist die Lage dialektisch. Die Übernehmenden stehen zwischen dem, woraus sie kommen, und dem, was eigen werden will. Sie haben einen direkten Bezug zur Gründungszeit, oft durch die persönliche Beziehung zu den Eltern, und gleichzeitig die Aufgabe, Familie und Unternehmen in eine Lebenszeit zu führen, in der die Gründungsfiguren nicht mehr im Zentrum stehen.
Diese Aushandlung läuft, ob sie ausgesprochen wird oder nicht. Die Generationen einer Unternehmerfamilie beobachten einander lebenslang. Was sie dabei voneinander wissen, wird selten in Worte gebracht, es bildet ein dichtes Geflecht des Unausgesprochenen, das die Familie über Jahrzehnte miteinander verbindet und zugleich voneinander unterscheidet. Das Identitätswerk wird in dieser Lage zum Ort, an dem dieses Geflecht zum Gegenstand wird. Was sonst implizit bleibt, bekommt eine Form, die sich anschauen lässt.
Die Klärung ist hier breiter als in der Gründergeneration. Sie greift den Bestand auf, prüft ihn, sortiert ihn, ohne ihn zu verkleinern. Was bleiben soll, wird nicht aufgegeben. Was eigen werden will, bekommt eine eigene Sprache. Das Werk wird zur gemeinsamen Standortbestimmung, an der sich die Übergabe auch in der Schicht vollzieht, die unter den juristischen und wirtschaftlichen Schritten liegt.
Folgegeneration: Archäologie
Ab der dritten Generation wird die Konstellation vielschichtiger. Cousinen und Cousins aus mehreren Kernfamilien bringen unterschiedliche Prägungen mit. Werte, die in der Gründergeneration selbstverständlich waren, sind über zwei Schritte hinweg in verschiedene Richtungen weitergegeben worden. Manches wirkt noch, manches ist verblasst, manches ist überlagert von Erfahrungen aus den jeweiligen Elternhäusern.
Die Klärung bekommt hier einen archäologischen Charakter. Sie hebt einen Kern aus verschiedenen Schichten. Mit jeder Generation wächst, was eine Familie in sich angesammelt hat: Erinnerungen, Erzählungen, Bilder, Selbstverständlichkeiten. Was davon in den heutigen Entscheidungen noch wirkt, was nur erinnert wird, was sich gelöst hat, das ist nicht mehr selbstverständlich. Es muss benannt werden.
In dieser Lage ist die klärende Wirkung des Identitätswerks am dichtesten. Es macht sichtbar, was die Familie über Generationen geworden ist, und gleichzeitig, was in der heutigen Konstellation noch greift. Es schafft die gemeinsame Grundlage, die in der dritten und vierten Generation nicht mehr aus der Anwesenheit der Gründungsfiguren entsteht.
Eine Arbeit, drei Gestalten
Die drei Bewegungen sind keine Stufen. Dem Identitätswerk kommt in jeder Generation eine andere Funktion zu, gleich gewichtig. Wer in einer Familie über ein Identitätswerk nachdenkt, kann an diesen drei Bewegungen ablesen, in welcher Lage seine Familie steht und welchen Charakter die Arbeit dort haben wird. Das Werk passt in jede Generation. Es wird in jeder Generation ein anderes Werk.
Wenn die Frage nach der nächsten Generation in Ihrer Familie konkret geworden ist, ist das Erstgespräch der Ort, an dem sich die Lage Ihrer Familie genauer beschreiben lässt.