Was ist Identität für eine Familie?
Der Begriff ist im Umlauf, und er meint nicht immer dasselbe. Manchmal sind damit Werte gemeint, manchmal eine Geschichte, manchmal ein Selbstbild, manchmal das, was eine Familie nach außen zeigt. Jede dieser Bedeutungen greift etwas Richtiges auf und verfehlt zugleich, worum es geht.
Identität ist keiner dieser Aspekte allein. Sie ist die verdichtete Gesamtheit eines gewachsenen Wesens. Was eine Familie über Jahrzehnte ausmacht, sammelt sich in ihr: Werte, Haltung, kulturelle Prägung, Charakter, Beziehungen, die Spur dessen, was schon entschieden und was gemieden wurde. Keines dieser Elemente steht für sich, sie verbinden sich in einer Form, die nur diese eine Familie hat.
Was unter den Begriffen liegt
Werte lassen sich aufschreiben. Eine Geschichte lässt sich erzählen. Ein Selbstbild lässt sich formulieren. Alle drei zusammen sind noch nicht Identität, sie sind das, was sich an der Oberfläche zeigt. Identität ist, was diese Schichten miteinander verbindet und von innen zusammenhält.
Sie ist auch nichts, was eine Familie sich aussucht oder sich gibt. Sie ist gewachsen, das heißt: sie war zuerst da, und die Aufgabe besteht darin, sie zu erkennen, nicht sie zu erfinden. Wo eine Familie an ihrer Identität arbeitet, prüft sie nicht, was sie sein möchte, sondern was sie schon ist und was sie davon weitertragen will.
Die doppelte Schicht
Bei einer Unternehmerfamilie kommt ein Zweites hinzu. Die Familie ist nicht nur Familie, sie hat sich über Generationen mit einem Unternehmen verbunden. Diese Verbindung ist nicht nebensächlich, sie hat das Wesen der Familie geprägt, so wie umgekehrt das Wesen der Familie das Unternehmen geprägt hat.
In jeder Familie ist diese Verbindung anders gewichtet. Bei manchen tritt die Familie deutlicher hervor, das Unternehmen ist Ausdruck dessen, woraus sie kommt. Bei anderen ist das Unternehmen der Boden, auf dem die Familie sich überhaupt als Familie versteht. Beide Gewichtungen sind möglich, und keine ist die richtigere. Wesentlich ist, dass das eine ohne das andere nicht beschrieben werden kann. Wer nur die Familie ansieht, übersieht, woran sie über Jahrzehnte gewachsen ist. Wer nur das Unternehmen ansieht, übersieht, woraus es entstanden ist.
Identitätsarbeit für eine Unternehmerfamilie sieht beides und arbeitet an der Verbindung.
Wissen, das die Familie hat, ohne es zu kennen
Identität ist nicht schon dadurch klar, dass sie da ist. Sie wirkt, sie zeigt sich in Entscheidungen und im Verhalten, aber sie ist denen, die in ihr stehen, oft nicht in Worte gefasst zugänglich. Sie ist eher ein Wissen, das die Familie hat, ohne es genau zu kennen.
Die Arbeit besteht darin, dieses Wissen zu heben. Aus dem Selbstverständlichen, dem Unausgesprochenen, dem über Generationen Weitergegebenen eine Form herauszuziehen, die sichtbar, lesbar und verbindlich ist. Erst dann wird Identität für die Familie etwas, worauf sie sich beziehen kann, und nicht nur etwas, das sie ist.
Wenn Sie an dem Punkt sind, an dem das, was Ihre Familie ausmacht, klarer benannt werden soll, ist das Erstgespräch der Ort, an dem sich das prüfen lässt.