Warum eine Gestalterin?
Wer das Wort Gestalterin hört, denkt zuerst an die sichtbare Form: an Layout, an Farbe, an das Gesicht, das eine Sache nach außen bekommt. Es gibt aber auch einen Gestalterblick, der davor ansetzt. Er sucht eine Ordnung, die schon gewachsen ist, und gibt ihr eine Form.
Klärung vor Form
Das Wort Gestalt meint im Alltag das Fertige, das Stillgestellte, das fest umrissen vor uns steht. Goethe hat ihm eine andere Bedeutung gegeben. Am Lebendigen, sagt er, zeigt sich nichts Stillstehendes; alles ist in fortwährender Bewegung. Eine Form, die das nicht mitdenkt, verfehlt ihren Gegenstand. Er fasst den Begriff deshalb anders: als „geprägte Form, die lebend sich entwickelt“.
Eine Unternehmerfamilie ist ein solches Lebendiges. Sie wächst über Generationen, verschiebt sich an Übergängen, verändert ihr Verhältnis zum Unternehmen. Damit ihre Identität erkennbar wird, braucht es einen Augenblick des Festhaltens. Das ist die Klärung. Aus ihr entsteht eine Form, an die die Familie sich später wieder anschließen kann.
Beratung, Coaching
Wenn in einer Familie ein Problem sichtbar wird, das nach einer Antwort verlangt, kommt Beratung oder Coaching ins Spiel. Die Anlässe sind erkennbar und benennbar: ein Konflikt, der zu lange schwelt, ein Vermögen, das zu ordnen ist, eine Nachfolge, die ansteht, eine Strategie, die fehlt. Beratung ist gerufen, weil etwas zu lösen ist, und sie kommt mit einer Methode, die in vergleichbaren Lagen schon gewirkt hat. Am Ende steht im Idealfall eine Lösung, die sich anwenden lässt.
Identitätsarbeit setzt an einer anderen Frage an. Beratung oder Coaching fragt, was die Familie braucht. Identitätsarbeit fragt, was sie ist. Was bei ihr entsteht, ist eine Form, in der die Familie sich selbst wieder erkennt. Eine Methode wirkt bei vielen Familien, weil sie auf ein wiederkehrendes Muster antwortet. Eine Form gilt für eine Familie, weil sie aus dem hervorgeht, was nur diese eine Familie ist.
Design-Agentur
Eine Design-Agentur beginnt mit einem Briefing. Eine Marke, eine Botschaft, ein Produkt: etwas ist bereits formuliert, und das Design hat die Aufgabe, eine Form zu finden, die dem Vorgegebenen am besten gerecht wird. Die Arbeit betrifft meist das Unternehmen, selten die Familie. Beteiligt sind die Personen, die im Unternehmen für Marke und Kommunikation verantwortlich sind, und das Ergebnis wendet sich nach außen.
Der Gestalterblick klärt, woraus die Form entstehen will. Er arbeitet an der Familie selbst, und das Werk wendet sich nach innen, zur Familie und zu denen, die noch dazukommen. Was an dieser Arbeit nach außen sichtbar wird, ergibt sich später, oder es bleibt aus. Auch Familien, die ihr Identitätswerk haben, brauchen weiterhin Marken- und Kommunikationsarbeit. Sie haben darin aber etwas, woran sie sich zurückbinden können.
Family Governance
Family Governance arbeitet an Regeln und an einer Familienverfassung. Diese bindet moralisch und verweist in der Praxis auf die rechtlichen Dokumente, ohne selbst Vertrag im juristischen Sinn zu sein. Die Aufmerksamkeit gilt der Schnittstelle zwischen Familie und Unternehmen: an welcher Stelle entscheidet wer, wer hat welche Stimme, welche Rechte und Pflichten gehören zur Gesellschafterrolle und welche zur Familie. Beteiligt ist das Familiensystem als Ganzes, auch die Mitglieder, die nicht im Unternehmen arbeiten, die nachfolgende Generation, teils die angeheirateten Mitglieder. Family Governance betrifft vor allem die Familie und ihre Grenzen zu Eigentum und Unternehmen, während die Führungsebene des Unternehmens zur Corporate Governance gehört. Das Ziel ist eine Beziehung, die im Alltag belastbar ist.
Identitätsarbeit und Family Governance arbeiten nebeneinander, an verschiedenen Stellen, mit unterschiedlicher Zielsetzung und unterschiedlichem Ergebnis. Governance gibt der Beziehung eine Architektur aus Regeln. Identitätsarbeit gräbt in die Geschichte einer Familie und hebt aus dieser Geschichte heraus, was die Familie ist. Das Identitätswerk hat eine andere Funktion als eine Familienverfassung und ersetzt sie nicht. Wo das Eigene einer Familie erkennbar ist, werden Regeln einfacher und halten länger, weil sie sich an etwas zurückbinden, das vor ihnen da war.
Was am Ende dasteht
Das Identitätswerk verdichtet den Kern einer Familie zu einer Form, an die sie sich später anschließen kann, wenn eine Strategie zu formulieren, eine Marke zu entwickeln oder eine Regel zu finden ist. Der Gestalterblick ersetzt keines dieser Felder. Er gibt ihnen den Boden, auf dem sie greifen.
Wenn Sie diese Klärung für Ihre Familie suchen, bevor weitere Schritte anstehen, ist das Erstgespräch der Ort, an dem sich prüfen lässt, ob diese Arbeit für Sie passt.